Böse Fee, gute Hexe – weg vom Schwarz und Weiß

Kinder-Uni: Dozent Christian Klager forderte kleine Denker heraus.

Kröpeliner-Tor-Vorstadt – Krumme Nase mit Warze, fettige Haare, stechender Blick. Kein langes Überlegen im Audimax der Uni Rostock: Rote Karten mit der Aufschrift „Böse“ schnellen in die Höhe. Doch Christian Klager hakt nach. „Ist der Unterschied zwischen Gut und Böse wirklich über das Äußere auszumachen?“ Der Dozent am Institut für Philosophie sät Zweifel in den Herzen seiner jungen Zuhörer. Die sind zahlreich auf den Campus geströmt. Die Kinder-Uni hat mit dem Thema „Hexen und Feen“ ins Schwarze getroffen.

Der Schwenk ins moderne Märchen mit der fischschwänzigen Arielle, Krake Ursula und Besenreiterin Bibi Blocksberg fällt allerdings nur kurz aus. Klager fordert Staunen und Denken der Teilnehmern heraus. Und setzt ihnen mit Größen wie Platon, Jeremy Bentham, Simone de Beauvoir und Immanuel Kant schwer verdauliche Kost vor. „Wer kennt die vier kantischen Fragen?“ Kurz Ratlosigkeit in den Gesichtern der Sieben- und Achtjährigen. Klager ist kein Spielverderber, hilft mit „Was ist der Mensch?“ und „Was kann ich wissen?“ nach.

Zu jung, um zu philosophieren? „Keineswegs.“ Klager beruft sich auf Karl Jaspers. Kinder seien in einem positiven Sinn naiv, fähig zu staunen. „Beste Voraussetzungen“, betont er. Immerhin stehe Philosophie in Mecklenburg-Vorpommern seit 1996 schon in der Grundschule auf dem Lehrplan. Alternativ zu Religion. „Obwohl sich nicht wenige Philosophen mit der Bibel beschäftigt haben.“ Fabeln, Moral, die Frage nach Recht und Unrecht – fänden sich hier wie da. Argumente, die eher für die Ohren seiner Studenten gedacht sind.

Der 31-Jährige unterrichtet angehende Grundschullehrer im Fach Philosophie. Von denen ließen sich einige den Test in der Praxis nicht entgehen. Lob zollt Student Robert Thomas (23) dem Feen- und Hexen-Konzept der Kinder-Uni: „So lernen Kinder, die Welt kritisch zu hinterfragen.“ Und kämen weg vom Schwarz-Weiß-Denken.

Der Alltag hat seine Tücken, wie Klagers Trickfilm-Experiment zeigt: Der von einem Lego-Mann auf Eisenbahnschienen drapierte Stein bringt einen Zug zum Entgleisen. Empörung bei den Zuschauern. „Buh“ schreit es heiser. „Wenn es doch so einfach wäre“, kommentiert Klager. Der weitere Verlauf des Films lässt die Krakeeler verstummen: Auf der Zugstrecke spielen Kinder. Das Zug-Attentat hat ihnen das Leben gerettet. „Auch vermeintlich schlechtes Handeln kann manchmal zu gutem Ergebnis führen“, lautet Klagers Lektion für die Kleinen.

„Wir hätten uns noch mehr solcher plastischen Beispiele gewünscht“, bilanziert Lea-Michele Frese (12). Freundin Annelie Spanke (11) stimmt zu. Und kündigt an: „Bei der nächsten Vorlesung sind wir wieder mit dabei.“

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