Kinder-Uni: Warum man über Trauer reden muss

Am Mittwoch ging es im Audimax auf eine Entdeckungstour über das Leben und den Tod

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Volle Ränge im Audimax: Viele Kinder, Eltern und Großeltern sind am Mittwoch zur Kinder-Uni gekommen, um über das Leben und Sterben zu sprechen. In der einstündigen Vorlesung ging es um Lebenszeichen, Abschied, Trauer und den Tod. Ein Tabuthema? Längst nicht mehr, wissen die promovierte Pädagogin Lea Puchert und Madlen Grolle-Döhring vom Kinderhospizdienst. Sie haben gezeigt, warum das Leben ein Wunder ist, Kinder über Trauer reden müssen und was Erwachsene von ihnen lernen können.

Es ist die Frage, die den kleinen Zuhörern auf der Seele liegt. Warum müssen Menschen überhaupt sterben? Lea Puchert und Madlen Grolle-Döhring wollen eine Antwort finden und starten den Versuch, ein Lebenselixier zu brauen. Die grüne Mischung im Reagenzglas sieht zwar magisch aus, aber auch die Kleinsten sind schnell entzaubert. Denn unsterblich macht die Mischung aus Kamille, Zitrone, Zucker und Lebensmittelfarbe beim besten Willen nicht. Aber dann betritt der Kinderonkologe Professor Carl Friedrich Classen von der Unimedizin die Bühne. Vielleicht hat er eine Antwort.

„Um kranken Menschen helfen zu können, müssen wir verstehen, wie der Körper funktioniert“, beginnt Classen. Er zückt sein Stethoskop. Jonas (8) und Matthew (8) dürfen es ausprobieren und hören gegenseitig ihren Herzschlag. „Ein sicheres Lebenszeichen“, sagt der Kinderarzt mit einem Lächeln. Aber das Herz sei nicht nur eine Pumpe. „Es ist auch ein Zeichen für Liebe“, weiß ein Mädchen. „Genau, wir haben Gefühle und eine Seele. Das menschliche Leben ist ein Wunder“, erklärt Classen. Nickende Gesichter im Hörsaal. Sicher ist, dass ein Körper nicht unbegrenzt geheilt werden kann. Auch das leuchtet den Nachwuchsstudenten ein.

Rebecca Hoch ist Trauerbegleiterin für Kinder. Viele Jahre war sie als Bestatterin tätig. Die 33-Jährige weiß, warum es wichtig ist, dass auch Kinder sich bewusst von einem Menschen verabschieden können. Anschaulich und kindgerecht berichtet sie von ihren Erlebnisse. Als sie von einer alten Frau erzählt, deren letzter Wunsch es war, mit der Familie an die Ostsee zu fahren, ist es ganz still. Die Dame ist auf dem Rückweg gestorben. „Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen“, erklärt Hoch. „Die Familie konnte bei ihr sein, ihre Hand halten, sich verabschieden.“ Und das sei wichtig, damit man versteht, dass ein geliebter Mensch gegangen ist.

Rebecca Hoch weiß auch, dass es Erwachsenen oft schwerfällt, über den Tod zu sprechen. „Wenn Kinder mit den Ängsten Erwachsener konfrontiert sind und von einer Trauerfeier ausgeschlossen werden, wird das Thema in den Köpfen der Kleinen noch viel dramatischer“, erklärt die Trauerbegleiterin. Kinder verstehen, dass der Tod zum Leben gehört. „Wir können viel von ihrer nüchternen und ehrlichen Anschauung lernen.“

Dana Kretschmer ist mit Tochter Helena (9) da und bestätigt: „Das Thema ist wichtig. Und trotzdem fällt es Eltern schwer, über den Tod des Großvaters vor ihren Kindern zu sprechen.“ Auch Manuela Ostertag findet das Thema relevant an einer Stelle, „wo man selber als Eltern nicht weiß, was man sagen soll.“ Ihr Sohn Erik (7) hat gelernt: „Man darf traurig sein.“ Das möchten Lea Puchert und Madlen Grolle-Döhring auch deutlich machen: Jeder darf traurig sein. Jeder trauert anders. Alle brauchen Mut und Kraft – jeder kann sein Lächeln wiederfinden.

(Text: Lea-Marie Kenzler, Fotos: Ove Arscholl)

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