„Nur der Zufall ist immer gerecht“

Etwa 350 Zuhörer lauschten dem Philosophen Christian Klager bei der Kinder-Uni

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Silas (7) steht in einem Rechteck und hält einen 20-Euro-Schein in die Luft. Genau die Summe, die Eltern in Rostock im Durchschnitt pro Tag für ein Kind ausgeben. Im anderen Feld stehen dagegen 24 Jungen und Mädchen, auch mit 20 Euro. Nicht einmal einen Euro haben die Eltern pro Tag in den ärmsten Ländern der Welt zur Verfügung, erzählt Christian Klager. „Das hätte ich nicht gedacht“, sagt Silas. Gestern lernte er, dass es auf der Erde nicht unbedingt gerecht zugeht. „Was ist gerecht?“ Diese Frage stellte der Dozent vom Institut für Philosophie bei der Kinder-Uni.

Das machte offensichtlich neugierig, und das Audimax auf dem Ulmencampus war mit gut 350 Zuhörern gut gefüllt. Zunächst erfuhren die Kinder von Christian Klager etwas über das Berufsbild „Philosoph“ und dass Staunen, Fragen, Denken und Zweifeln schon seit 2500 Jahren zu seinen überwiegenden Tätigkeiten gehören. Den ganzen Tag nur kluge Texte zu lesen sei aber auch langweilig, und dann kam Klager auch schon zu eigentlichen Thema.

An Laras Geburtstagstafel sitzen Opa Herbert, Tante Tina und Zuschauerkind Ariana. Die große Torte ist in vier Stücke geteilt und jeder bekommt eins. Christian Klager: „Wer das gerecht findet, steht bitte auf.“ Ja, ruft Vanessa (8) und erhebt sich mit den allermeisten anderen Kindern. Nun, ganz so einfach ist es auch nicht, denn zwei aus der Geburtstagsrunde wollen den Kuchen überhaupt nicht. So bekamen Lara und Ariana beide zwei Stücke. Gerecht, befanden die meisten Kindern im Hörsaal, schließlich konnten die beiden zulangen, die das auch wollten.

Nicht immer jedoch lässt sich auch die Torte so einfach gerecht verteilen. Ein Schiedsrichter oder eine Waage könnten helfen, dass alle am Tischen zufrieden sind, schlagen die Kinder vor. Gute Ideen, sagt Christian Klager und bringt einen Helfer ins Spiel, den alle Kinder zu Hause in der Schublade haben: den Zufall in Form von Würfeln. „Der Zufall ist blind und genauso gerecht wie die Waage.“ Das hätten die Philosophen schon vor vielen 100 Jahren festgestellt. Dann demonstriert der Dozent mit den 20-Euro-Scheinen, wie ungerecht es zwischen Armen und Reichen zugeht. „Das ist gemein“, befindet Vanessa. „Wir müssen versuchen, dass es allen gut geht“, sagt Christian Klager. „Gleichheit und Gerechtigkeit sind nicht das Gleiche“, verrät Klager, der vor einigen Jahren schon einmal eine Vorlesung zum Thema „Gut und Böse“ hielt, den Kindern. Das hat Maximilian (10) so bisher noch nicht gesehen. Es sei eben ein Unterschied, ob man den Euro einem Straßenmusikanten auf der Kröpeliner Straße oder einem fast verhungernden Kind in einem armen Land spendet, erläutert der Referent den ungläubig dreinschauenden Kindern.

Maximilian von der Heinrich-Schütz-Schule ist ein Kinder-Uni-Profi und hat in den vergangenen Jahren schon so manche Vorlesung besucht. Sein Urteil gestern: „Das hat mir gut gefallen.“ Auch die Mutter fand lobende Worte für den Dozenten. Am Ende fragte Christian Klager seine Zuhörer, was sie denn aus seinem Vortrag mitnehmen. Es sei wohl gut, das Geld nicht immer für ein Eis auszugeben, sondern es auch mal armen Menschen zu spenden, sagt ein Junge ins Mikrofon. Vanessa nickt. „Die Welt ist nicht gerecht.“ Das hat sie gestern bei der Kinder-Uni gelernt.

Christian Klager: „Nur der Zufall ist immer gerecht.“ Ein Satz von gestern, der sicher ganz viele der Nachwuchsstudenten noch eine Weile beschäftigen dürfte.

(Text: Thomas Niebuhr, Foto: Ove Arscholl)

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